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Interview

„Kein Problem, auch mal an der Seitenlinie zu stehen“

Im Gespräch erläutert Stefan Mayerhofer, Vorstand Bayerische Vermögen AG, das Konzept hinter dem Bayerischen Stiftungsfonds, die Aspekte des Risikomanagements sowie das Wesen des Spezialfonds.

Der Bayerische Stiftungsfonds ist ein Spezialfonds, in den derzeit vier Stiftungen investiert sind und dessen Berater Sie sind. Wie kam es dazu, diesen Fonds aufzulegen?
Stefan Mayerhofer: Eigentlich geht das Ganze zurück auf eine langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Kanzlei Schmid, v. Buttlar & Partner und den Vorsitzenden des Vorstands der Friedrich-Schiedel-Stiftung und der Ilse Kubaschewski Stiftung. Wie bei vielen anderen Stiftungen auch, lag der Fokus bei den Anlagen im Bereich Anleihen und Buy-and-Hold, was in Zeiten höherer Zinsen auch sehr gut funktionierte. Die Notwendigkeit, das Vermögen aktiver und risikoreicher zu bewirtschaften, bestand schlichtweg nicht. Mit der Zeit hat sich das aber geändert. Die Zinsen haben sich reduziert und langsam begannen wir, im Zuge einer Anlageberatung, eine Aktienquote anzuregen und dann auch aufzubauen. Zunächst waren es 10%. Interessant dabei ist, dass damals die Dividende gar nicht im Vordergrund stand, da diese weit tiefer lag als der Kupon einer Anleihe. Aktien wurden damals gekauft, um einen Einstieg in die Diversifikation zu schaffen und eine neue Assetklasse mit aufzunehmen. Im Laufe der Zeit zeigte sich dann, dass eine vierteljährliche Abstimmung der Asset Allokation und der Zielinvestments nicht mehr ausreicht, die Vermögensverwaltung also auf ein professionelleres Niveau gehoben werden müsste. Über den Schritt einer diskretionären Vermögensverwaltung kam dann die Idee auf, einen Fonds für Stiftungen aufzulegen. Dabei sind die Stiftungen die Initiatoren des Sondervermögens. Das größere Maß an Professionalisierung kam den Stiftungen zu Gute, hatte und hat ihren Nutzen auch gegenüber der Stiftungsaufsicht, und auch für uns als Berater des Sondervermögens. Meiner Idee folgend wurde der Fonds als Spezialfonds aufgelegt, was vor allem Kostenvorteile mit sich brachte und auch den investierenden Stiftungen gewährleistet, dass sie unter sich sind.

Stiftungen investieren hier also unter ihresgleichen.
Mayerhofer: Ganz genau. Am Ende des Tages ist ein Spezialfonds zugeschnitten auf die Anforderungen seitens der Initiatoren, hier in diesem Fall auch auf den Anlageausschuss, der aus Mitgliedern der vier investierenden Stiftungen zusammengesetzt ist. An deren Anforderungen wird die Anlagepolitik ausgerichtet, kommt eine neue Stiftung hinzu, muss sie sich diesem Regularium fügen. Als Ziel werden 4% Rendite pro Jahr bei gleichzeitig niedrigem Risiko angestrebt. Die Ausschüttung erfolgt ein bis zweimal jährlich, wobei ein Spezialfonds hier flexibel ist, die Termine betreffend. Auf dieses Ziel ist die Anlagepolitik ausgerichtet und das müssen neu investierende Stiftungen wissen. Aber auch diese Anlagepolitik befindet sich im Wandel. Anfangs lagen wir bei einer maximalen Aktienquote von 30%, mittlerweile sind wir bei 50%. Wir haben eben gesehen, dass es aus der Rentenbewirtschaftung kaum mehr möglich ist, die Ziele zu erreichen. Es sei denn, ich erhöhe auf der Rentenseite die Risiken maßgeblich, indem ich schlechtere Bonitäten oder längere Laufzeiten akzeptiere.

Wie werden also Anlageentscheidungen in diesem Fonds getroffen?
Mayerhofer: Durch das Fondsmanagement wird festgelegt, wenn eine Änderung im Fonds passieren soll. Das wird dokumentiert und sobald der Anlageausschuss periodisch zusammentrifft, wird darüber diskutiert. Aus dem Anspruch heraus, das Ziel erreichen zu wollen, wird die Entscheidung dann bestätigt. Häufig ist es in der Praxis so, dass wir schnell auf die Ausgangsideen zurückkehren, weil jede neue Idee auch neue Risiken bedeuten kann. Es geht aber darum, Risiken zu bewerten und auszubalancieren, denn sowohl das Fondsmanagement als auch die Initiatoren stehen in der Verantwortung. In detaillierten Abstimmungen mit dem Stiftungsvorstand sind die Rahmenbedingungen für die Veranlagungen diskutiert und festgelegt worden, wie z. B. Höhe der Aktienquoten, Zielmärkte, Quoten für Anleihen mit schlechterer Bonität etc. – In diesem Rahmen trifft der Fondsberater eigenständig die Entscheidungen. Das tägliche Reporting und die regelmäßigen Besprechungen bieten allen Verantwortlichen einen transparenten Überblick über den Stand und die Zielerreichung. Besondere Bedeutung haben dabei die diversen Risikokennzahlen. In den regelmäßigen Treffen findet ein reger und intensiver Austausch statt. Es wird dabei nicht ein einzelnes Instrument oder ein einzelner Titel diskutiert, sondern mehr oder minder die Risikoeinschätzung.

Wie sieht die Allokation nun derzeit aus?
Mayerhofer: Aktuell liegen wir bei max. 50% Aktien und max. 100% Anleihen, dazu haben wir Währungsrisiken komplett eliminiert, nachdem wir zwischenzeitlich bis zu 20% der Anleihen im Dollar investiert hatten. Das war eine aktive Entscheidung nach der Wahl Donald Trumps. Obwohl der Marktkonsens etwas anders aufgestellt ist. Bei der jetzigen Zinssituation müsste der Dollar eigentlich stärker werden, aufgrund der in den USA leicht anziehenden Zinsen und der Erwartung weiter steigender Zinsen. Doch hier irrte der Mainstream, stattdessen hat der Dollar schon wieder nachgelassen gegenüber dem Euro, weshalb wir auch unsere Dollarpositionen reduziert haben. Wir sind also nicht unbedingt Anhänger linearen Denkens, und letztlich gibt der Markt auch uns die Richtung vor. Es nützt ja nichts an Positionen festzuhalten, bei denen der Markt nicht mitspielt.

Dieser aktive Bias zeichnet den Fonds also aus, was sind weitere Alleinstellungsmerkmale der Anlagepolitik?
Mayerhofer: Wichtig ist, dass im Fonds stets auf hohe Qualität geachtet wird, vor allem bei den Anleihen. Zu geringen Teilen dürften auch Nicht-Investment Grade-Anleihen ins Portfolio aufgenommen werden, aber ich nutze diesen Spielraum nicht aus. Aus der Erfahrung weiß ich einfach, dass Fehler, die bei solchen Anleihen passieren, richtig ins Kontor schlagen. Es werden auf der Anleiheseite Möglichkeiten ausgelotet, im Laufzeiten- oder Währungsbereich eine Mehrrendite zu erzielen. Wenn ich lang sein muss, bin ich in langlaufenden Papieren investiert, wenn ich kurz sein muss, bin ich in kurzlaufenden Papieren investiert. Um hier den richtigen Kontext zu finden, habe ich ein Modell entwickelt, das mir genau dies anzeigt. Bei den Währungen müssen wir auf homogene Entwicklungen achten, ob beispielsweise der Dollar stärker oder schwächer wird gegenüber allen anderen Währungen. Hieraus lassen sich Anlageopportunitäten ableiten. Auch Cash ist für uns eine Anlageklasse, die wir aktiv einsetzen. Wir versuchen bei allen Anlageentscheidungen, Fallen zu vermeiden. In meinen Augen kann das bei einigen Unternehmensanleihen, aber auch bei manch nachrangigem Papier, passieren. Cash kostet zwar derzeit -0,4%, aber ich habe kein Problem damit, auch mal an der Seitenlinie zu stehen.

Wie schaut es auf der Aktienseite aus?
Mayerhofer: Der Fokus liegt ganz klar auf europäischen Aktien, wobei dividendenstarke Titel aus dem Stoxx Europe 600 im Vordergrund stehen. Wir achten auch hier auf Qualität, was Teil unseres Risikomanagements ist, denn wer vorher auf Qualität achtet, bekommt hinterher keine Probleme damit. Die Unternehmen, die wir auswählen, sollten sich besser entwickeln als der Index. Es gibt viele gute Ideen und Storys an der Börse, aber die Börse muss diese auch nachvollziehen. Dafür ist es wichtig, dass nicht nur ein Wert aus einem Sektor oder einem Subsektor eine positive Entwicklung aufweist, sondern eben auch, wenn möglich alle anderen Mitglieder. Wenn sich eine Branche in ganzer Breite positiv entwickelt, dann ist das sogenannte „smart money“ dort investiert, dann dürfte sich diese Branche generell besser entwickeln. Solche Bewegungen haben eine hohe Aussagekraft. Außerdem werden Aktien nur mit max. 2,5% gewichtet. Erreicht eine Aktie diese Gewichtung, muss sie auf die Maximalgewichtung reduziert werden. Beigemischt werden in kleinen Portionen auch Aktien, die nicht mit dem Markt korrelieren. Ein Beispiel hierfür ist die Schweizer Bank „Cembra Money Bank“, eine Teilzahlungsbank, deren Aktienkurs gänzlich ein Eigenleben an der Börse führt, was auch an der hohen Ausschüttung liegt. Was wir zudem auf der Aktienseite machen, ist die Absicherung über Futures. Die Initiatoren erwarten von mir, dass jemand da ist und handelt, wenn es mal nach unten geht. Aktives Risikomanagement hat uns schon oftmals vor größeren Abschwüngen bewahrt.

Schließen Sie bei den Aktien auch bestimmte Dinge aus? Stiftungen fragen das ja vermehrt nach.
Mayerhofer: Nein, das machen wir nicht. Für Stiftungen besonders relevant sind hier meist Rüstungs- und Ölaktien, ob ihrer problembehafteten Geschäftsfelder. Aber nehmen wir mal den Rüstungsbereich, auf den ich mich nicht konzentriere, den ich aber opportunistisch sehe. Wir leben in politischeren Zeiten, in denen der jetzt über 70 Jahre bestehende Frieden in Europa nicht mehr ganz so selbstverständlich ist wie vielleicht noch vor 10 oder 20 Jahren. Regime ändern sich, mancherorts wird es totalitärer, und für den Anleger bedeutet dies, dass sich hier übergeordnet etwas verschiebt. Entsprechend könnten Rüstungsaktien profitieren, und daran möchte ich auch ein wenig partizipieren – zumal uns die Sicherung des Friedens in Europa ein Anliegen sein sollte.

Darf man also Paradigmenwechsel nicht verpassen?
Mayerhofer: Ja, das würde ich so sagen. Wenn ich mir die Versorger von früher anschaue, dann waren das die klassischen Witwen- und Waisenaktien, und in meinen Augen waren das auch klassische Stiftungsaktien. Das hat sich mittlerweile geändert. Solche Papiere finden Sie heute eher im Technologie- oder Nahrungsmittelbereich. Aktien mit tiefer Schwankungsbreite, richten sich nicht immer nach der Branche. Auch Bankaktien können defensiv sein, aber dafür muss eben auch das Geschäftsmodell stimmen. Letztlich dürfte es heute speziell für Anleger wie Stiftungen richtiger sein, Aktien zu kaufen, schon aus dem Dividendenaspekt heraus. Ich wäre nicht bereit, jemandem Geld für 0,5% zu leihen bei gleichzeitig vollem Risiko. Über die Dividende werde ich jedoch hervorragend entschädigt, wenn man es so sagen will.

Auch Stiftungen suchen scheinbar nach Gründen, keine Aktien kaufen zu müssen.
Mayerhofer: Das sieht ganz so aus, ja. Ich muss mich ja fragen, wo ich die nächste Krise am besten überlebe. Und ich frage das aus Sicht einer Stiftung, also eines risikoaversen Anlegers. Ich fühle mich mit Qualitätsaktien derzeit wohler als mit Anleihen aus Südeuropa. Indem eine Stiftung ihre Kapitalanlage delegiert, erwartet sie von mir eine Antwort auf genau diese Frage.

Dieser Gedanke ist nachvollziehbar. Haben Sie vielen Dank für die Erläuterungen.

Das Interview führte Tobias M. Karow.